Presse Verweigerung des römischen Nihil obstat

Verweigerung des römischen Nihil obstat

Katholisch-Theologischer Fakultätentag
Vereinigung der Arbeitsgemeinschaften für Katholische Theologie
Deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie
AGENDA – Forum katholischer Theologinnen
Mit großer Sorge und mit Unverständnis haben wir die Verweigerung des römischen Nihil obstat anlässlich der Wiederwahl von Prof. Dr. Ansgar Wucherpfennig SJ zum Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen zur Kenntnis genommen.
In erster Linie sehen wir darin einen in Form und Inhalt nicht zu rechtfertigenden Angriff auf einen verdienten Theologen, Seelsorger und Ordensmann. Wir sprechen ihm hiermit unsere uneingeschränkte Solidarität aus.Zugleich geht es nicht allein um einen Einzelfall, sondern um ein Grundproblem kirchlicher Kommunikation: Einmal mehr wird versucht, ein theologisch und pastoral drängendes Thema disziplinarisch zu „erledigen“ und zu tabuisieren, anstatt dessen dringend nötige Klärung in einem offenen theologischen Prozess zu fördern. In dieser Verweigerung des Dialogs sehen wir ein Zeichen jenes Missbrauchs von Macht, dergerade vor dem Hintergrund der jüngst veröffentlichten Untersuchung zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland als Grundproblem scharf kritisiert wird. Die römische Maßnahme steht etwa der Aussage von Kardinal Marx diametral entgegen: „Machtstrukturen gefährden alle Religionen, besonders aber uns. Deshalb wollen und müssen wir von der Gesellschaft lernen. Wichtig ist eine konstruktive und begleitende Kritik aus allen Bereichen. Wir wollen die Kritik auf- und ernst nehmen!“ (Statement beim Michaelsempfang in Berlin am 10.10.2018)
Wir sehen in der Verweigerung des Nihil obstat für P. Wucherpfennig aber auch einen schweren Angriff auf die Freiheit und Unabhängigkeit theologischer Forschung und akademischer Selbstverwaltung. Die akademische Theologie in Deutschland steht in kritischer Loyalität gegenüber dem römischen Lehramt. Verbundenheit mit ihrer eigenen Tradition bedeutet für die theologische Forschung und Lehre,innovativ und produktiv an der Vermittlung von Lehre und Leben, von Glaubensüberlieferung und Glaubensausdruck in der pluralen Lebenswirklichkeit zu arbeiten. Mit schriftlichen Ermahnungen und der Androhung von Disziplinarmaßnahmen, wie sie jüngst – nicht nur – im Fall Wucherpfennig stattgefunden haben, wird die offene Fortschreibung von Lehre und Praxis verhindert. Dadurch wird es aber auch unmöglich, die gravierenden innerkirchlichen Missstände, die im aktuellen Missbrauchsskandal offenbar geworden sind, aufzuklären, in ihrer Tragweite und ihren Ursachen zu erforschen. Wenn kirchliche Verantwortungsträger den Beitrag der Theologie zurÜberwindung der fundamentalen Kirchenkrise gering schätzen bzw. disziplinarisch zurückweisen, tun sie nicht nur den betroffenen Theologinnen und Theologen Unrecht, sondern schaden auch der Kirche.
Es gehört zum Auftrag der Theologie als Wissenschaft, auch solche Themen zu bearbeiten, in denen die kirchliche Lehre für die meisten Zeitgenossen unverständlich und nicht mehr rezipierbar erscheint. P. Wucherpfennig hat dies wissenschaftlich wie pastoral verantwortungsvoll getan. Wenn Theologinnen und Theologen, die zu Fragen von Sexualität, Macht und Geschlechtergerechtigkeit forschen, mit Verurteilungen bedrohtwerden, verschärft das den aktuellen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust in kirchliche Amts- und Machtstrukturen dramatisch.
Gegenwärtig werden wir Zeugen von widersprüchlichen Signalen des römischen Lehramts. Einerseits wird Dezentralisierung gefordert, andererseits Zentralisierung praktiziert. Einerseits wird Aufklärung des Missbrauchs gefordert, andererseits Aufklärung über
Machtmissbrauch verweigert. Einerseits wird die Theologie als ‚kulturelles Laboratorium‘ gefordert, das an die Grenze und darüber hinausgehen soll, um in Fortschreibung einer lebendigen Tradition aus dem Glauben heraus für neue Herausforderungen neue Antworten zu suchen (vgl. Papst Franziskus, Veritatis gaudium), andererseits werden Theologinnen und Theologen, die das in wissenschaftlicher Redlichkeit und in Loyalität zur Kirche tun, in jüngster Zeit von der Bildungskongregation in Zusammenarbeit mit der Glaubenskongregation inkriminiert und eine Abweichung von traditionellen Lehren diskussionslos sanktioniert.
Wir danken ausdrücklich den Bischöfen, die sich dafür einsetzen, die Wissenschaftsfreiheit der Theologie zu ermöglichen und die Integrität von Theologinnen und Theologen zu schützen. Wir unterstützen nachdrücklich die Bischöfe, die Pater Wucherpfennig und der Hochschule der Jesuiten in Sankt Georgen in den vergangenen Tagen ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Wir appellieren an den Ordensgeneral der Jesuiten, die klare Position des Provinzials P. Siebnerzu unterstützen, sich für die Erteilung des Nihil obstat und für eine vorbehaltlose Rehabilitierung von Pater Wucherpfennig einzusetzen. Wir fordern die Verantwortlichen in der Römischen Kurie auf, ihre Entscheidung zu revidieren und das Nihil obstat zu erteilen. Wir appellieren an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, die Schritte der Ordensleitung zu unterstützen und zugleich gegenüber den Vatikanischen Verantwortlichen deutlich zu machen, welchen Schaden dieser Fall für die Kirche in Deutschland gerade in der aktuellen Situation bedeutet.
Prof. Dr. Joachim Schmiedl, Vallendar, Vorsitzender des Katholisch-Theologischen Fakultätentags
Prof. Dr. Gerd Häfner, München, Vorsitzender der Vereinigung der Arbeitsgemeinschaften für Katholische Theologie
Prof. Dr. Karlheinz Ruhstorfer, Freiburg, Vorsitzender der Deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie
Prof. Dr. Margit Eckholt, Osnabrück, Vorsitzende von AGENDA – Forum katholischer Theologinnen

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